Dienstag, 16. Dezember 2008

Vergiss es! Japan am Jahresende



Der 3. Advent ist schon vorbei und auch in Tokyo weihnachtet es ein wenig. Das sonnige, klare und bisweilen milde Wetter lässt das zwar nicht vermuten und statt grüner Tannen findet man eher leuchtend gelbe Gingkobäume. Die Weihnachtstage sind normale Arbeitstage und in der japanischen Tradition spielt dieses Fest natürlich auch keine Rolle. Allerdings hat die japanische Konsumgüterindustrie das Fest längst für sich entdeckt und da Halloween schon eine Weile her und zum Valentinstag noch eine Weile hin ist, kann etwas X’mas nicht schaden. Die Kaufhäuser stellen kegelförmige, mit Glitzerzeug behangene Gebilde auf, die auf den ersten Blick entfernt an Christbäume erinnern. Auch Weihnachtsmänner und Rentiere zeigen sich vereinzelt. Als jemand, der von dem deutschen Weihnachtskitsch ohnehin genug hat, ist diese vergleichsweise Zurückhaltung für mich durchaus angenehm, auch wenn ich darüber staune, mit wie wenig christlichem Inhalt dieses Fest auskommt. Frei von abendländischer Religiosität hat man Weihnachten hier in Japan konsequent ausgehöhlt, sodass nur noch ein paar bunte Lichter und Sonderangebote übrigbleiben.
Da Weihnachten nicht gefeiert wird, gibt es am Jahresende in meiner Abteilung eine Jahresendfeier, die bonen-kai genannt wird. Bonen-kai bedeutet eine Feier, bei der man das vergangene Jahr vergessen soll. Sie beginnt kurz nach 19 Uhr in einem Restaurant in der Nähe des Büros und ist um kurz vor halb zehn wieder fertig. Zweieinhalb Stunden müssen reichen, mehr ist in Japan nicht üblich. Die nächste Gruppe wartet am Eingang schon auf den frei werdenden Tisch und die Kollegen müssen teils noch eineinhalb Stunden mit dem Zug nach Hause fahren. Ein weiterer wichtiger Aspekt einer solchen Feier ist, dass an das Restaurant pro Person ein recht hoher Pauschalbetrag gezahlt wird. Darin sind dann ein Menu und alle Getränke enthalten. Dem aufmerksamen Leser ist nicht entgangen, dass hier zwei Umstände zusammenwirken: relativ wenig Zeit und relativ viel Alkohol, der in der Pauschale drin ist. Dementsprechend trinkt mein Gegenüber in der ersten halben Stunde, noch bevor das erste Essen kommt, ein Bier, ein Glas Wein und zwei Cocktails. Mehr geht nicht, weil der Kellner nicht so oft kommt. Laut und fröhlich geht es weiter und man merkt, dass bei einem bonen-kai die Japaner nicht nur das alte Jahr sondern auch sich selbst vergessen. Doch als es kurz vor halb zehn ist, raffen sich dann doch alle auf, zügig und diszipliniert verlässt die Mannschaft das Spielfeld.
Für mich geht es am Freitag erstmal nach Hause. Über Weihnachten und Neujahr herrscht hier also Sendepause. Euch allen schöne Feiertage und einen guten Start ins Neue Jahr.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Nihon-go o amari hanashi masen

Ein klein wenig zu lange habe ich mich über die Auslage gebeugt. Im Augenwinkel sehe ich einen Verkäufer im Landeanflug. Freudig lächelnd beginnt er in der Sprache seiner Eltern auf mich einzureden. Höfliches Lächeln meinerseits: „Wakarimasen“ (Ich verstehe nicht, bzw. Ich weiss nicht, wertvoller Allzwecksatz).Ob er Englisch spricht, frage ich vorsichtig, doch da hat er schon den Rückzug angetreten, Englisch ist ihm unheimlich.
Diese an und für sich unspektakuläre Begebenheit hat im Takashimaya stattgefunden, einem der ganz grossen Kaufhäuser von Tokyo, 14 Stockwerke, jedes eine Welt für sich. Die grossen Edelkaufhäuser geben sich alle recht europäisch. Uhren aus der Schweiz und Deutschland, Mode von Versace, Ermenegildo Zegna, von Burberry und Boss, fetter Schmuck von Bulgari und Cartier. Einzig der japanische Perlenzüchter Mikimoto scheint mithalten zu können. Schick ist, was aus Europa kommt, so wie bei uns gerade Sushikochkurse en vogue sind. Doch Englisch spricht hier niemand.

Nicht falsch verstehen, ich will mich nicht beschweren. Schliesslich bin ich ja in dieses Land gekommen, also habe ich gefälligst Japanisch zu lernen. Das tue ich nach Leibeskräften und ich kann Sachen sagen wie „Das ist meine Visitenkarte“, „Der Zug ist schnell“ oder „Der Kugelschreiber ist unter der Zeitung.“ Wenn ich im Supermarkt nach meiner Punktekarte gefragt werde nützt das aber noch denkbar wenig. Als geradezu gefährlich hat sich herausgestellt, mir einen Satz einzuprägen und ihn dann anzuwenden. Wenn ich mir genau überlegt habe, was ich essen will und es im Restaurant dann Japanisch bestelle, denkt die Kellerin „Prima, Langnase-san spricht fliessend Japanisch“ und fragt mich ob ich in meiner Nudelsuppe lieber Lauch oder Frühlingszwiebeln möchte und spätestens dann fliegt mein Bluff auf.



















In dem Film „Der 13. Krieger“ hat Antonio Banderas eine Fremdsprache innerhalb weniger Tage durch Zuhören gelernt. Ich finde das ziemlich effektiv. Deshalb höre ich auch immer sorgfältig zu, aber während Antonio jetzt wohl schon Kawabata im Original lesen könnte, hat mich ein Buch für Dreijährige total überfordert, das ich mir diese Woche gekauft habe. Das einzige, was ich durch Zuhören gelernt habe ist in etwa: „Das ist die Yamanote Linie nach Shinjuku und Ikebukuro. Der nächste Bahnhof ist Harajuku. Bitte steigen Sie für die Chiyoda Linie hier um. Die Türen auf der rechten Seite öffnen sich.“ Da ich während des Studiums stark auf Transferdenken gedrillt wurde funktioniert das ganze auch in der Rinkai Linie. Doch mehr und mehr drängt sich bei mir der Verdacht auf, dass man das bei Antonio nur gemacht hat, damit der Film zügig und spannend weitergehen kann.

Ich stelle hier in Japan fest, dass die grösste Barriere bei der Kommunikation die Sprache ist. Es ist erstaunlich, wie weit man mit Gesten und Pantomime kommen kann. Manchmal nützt aber auch das Zauberwort „Wakarimasen“ nichts. Viele Japaner wiederholen ihren Satz einfach, wenn sie merken, man hat ihn nicht verstanden. Offensichtlich ist der 13. Krieger in Japan weit verbreitet und mit ihm der Glaube, durch geduldiges Zuhören liesse sich das Problem lösen. Vielleicht ist es aber auch nur der dezente Hinweis: „Geh erstmal heim und lern was.“ Und das mache ich jetzt auch wieder.

Damit der Post nicht so texlastig ist, habe ich ihn mit ein paar herbstlichen Impressionen (jaaa, wir haben hier noch Herbst) aufgehübscht.