Dienstag, 25. November 2008

Please eat - Hakone Wochenende Teil 2



Ein ryokan ist ein mehr oder weniger traditionells japanisches Gasthaus, mit eigener heisser Quelle und ein paar Besonderheiten. Beinahe jeder Reiseführer widmet der ryokan-Etikette mehrere Seiten und erklärt dem deutschen Reisegast, was er in der Herberge alles tun muss und was er absolut und unter keinen Umständen never-ever tun darf. Natürlich hat sich der gewissenhafte Deutsche alles genau eingeprägt und stellt bereits am Eingang irritiert fest, dass er seine Strassenschuhe erst einmal anbehalten darf. „Shoes okay“, erklärt die Dame im Kimono, die –auch das überrascht- ein gutes Englisch spricht. Die Hauspantoffeln gibts erst auf dem Zimmer, für mich leider nur in gefühlter Grösse 39.

Das Zimmer ist dafür übereinstimmend mit dem Reiseführer mit Tatamimatten ausgelegt (hier nur in Socken oder barfuss!!!), verschiebbare Papierwände teilen den Raum. Es ist eine einfache Unterkunft, die Möbel sind etwas ageschossen und es wartet weder ein Ikebana noch ein Tuschbild auf uns. Doch es ist trotzdem so richtig schön japanisch.

Sofort nach der Ankunft gibt es den Begrüssungstee. Er wird, wie auch später das Abendessen auf dem Zimmer serviert. Danach erhält man den yukata, einen Hauskimono, den man am besten als eine Art Bademantel aus Baumwolle beschreibt.
Man legt immer die linke Seite über die Rechte, denn andersrum werden nur die Toten gekleidet. Doch als ich frage, wie man den Gürtel umbindet, ohne dass die losen Enden bis zum Boden hängen, werde ich eines besseren belehrt. „You wear right over left.“ Ich bin entsetzt. Ja, weiss denn die Dame im Kimono gar nicht, was sich in japanischen Gasthäusern gehört? Da bin ich mir sicher eines der grössten Dont’s der japanischen Kultur souverän umschifft zu haben und erzähle der Dame, was ich in bisher dutzenden Schriften wie eines der zehn Gebote gelesen habe. Sie lächelt gütig. „Men wear right over left. Women wear left over right. Maybe other country, but Japanese like it that way.” Na gut, dann wird es stimmen. Zum Abendessen hockt man sich dann an den niedrigen Tisch auf dem Boden und wartet, während die Dame das Essen aufträgt und freundlich alles erklärt. Immer wieder geht sie hinaus, um kurz darauf mit neuen Schalen und Schüsselchen wiederzukommen. Ein Gericht nach dem anderen wird aufgetragen, bis der Tisch wirklich voll ist. Alles ist sehr liebevoll angerichtet und ich bin froh, dass ich das alles nicht abspülen muss. Man wartet also, bis alles auf dem Tisch ist und die Dame im Kimono das Signal gibt: „Please eat.“

Es gibt sashimi, also rohen Fisch mit Rettich und Minze, der in Sojasosse getunkt wird und hervorragend schmeckt. Ein kleines Häppchen Ente und etwas, das aus Leber gemacht ist. Schweinefleisch mit einer Sosse, die gut ist, aber deren Zusammensetzung unklar bleibt. In einer Brühe kommen Lachs, Pilze und Gemüse daher, das ganze wird auf ein Stövchen gestellt und köchelt während des Essens stimmungsvoll vor sich hin, ebenfalls sehr gut sind die schwarzen Nudeln auf gegrilltem Fisch und das schlicht pickles genannte sauer eingelegte Gemüse. Etwas seltsam schmeckt ein wabbeliger Würfel aus Grüntee mit Kaviar und auch die Misosuppe aus deren Fluten ein prächtiger halber Krebs emporsteigt schmeckt recht kräftig. Und es gibt das beste tempura, das ich bisher hier gegessen habe. Tempura ist Fisch, Tofu, grosse Garnele oder Gemüse, das in einer Art Panade gebacken bzw. frittiert wird. Man kann es in Grünteesalz stippen und wie gesagt, es ist sehr lecker. Je nach Inhalt sieht tempura wie eine Krokette oder Fischstäbchen aus und da die Panade drumherum ist und man die japanischen Schriftzeichen im Supermarkt noch nicht kennt ist der Einkauf von tempura immer eine spannende Sache. Wie oft habe ich hier schon Dinge gegessen, bei denen ich weder vorher noch nachher wusste, was es ist.

Nach dem Essen kommt die Dame wieder und bringt Nachtisch (Grünteeis) und alles Notwendige, damit wir uns später unseren „Nighttea“ aufgiessen können. Vorher aber geht es ins onsen, das hauseigene Thermalbad. Bevor man ins Wasser hüpft hat man sich zu waschen, schliesslich dient das Bad der Entspannung und Hygiene gehört zu den wichtigsten Dingen im japanischen Alltag. Am Waschbecken in der Umkleide liegen Rasierer und Wattestäbchen, Aftershave, Creme, Seife und Haarwasser. Die Kleider kommen in einen Korb, in den onsen geht man nackt und (meist) nach Geschlecht getrennt. Nach der Umkleide duscht man auf einem niedrigen Schemel sitzend, drei Sorten Duschgel und Shampoo stehen bereit und dann geht es erstmal nicht ins Wasser, weil das verdammt heiss ist. Ich probiere also zuerst das Aussenbecken, da ist das Wasser immer noch sehr warm, aber doch angenehmer, das hübsche Gärtchen sorgt für zusätzliche Entspannung und dass das Wasser nach Schwefel riecht fällt bald nicht mehr weiter auf. Das Schwefelwasser ist gut für die Haut und hinterlässt ein angenehmes Gefühl, auch wenn ich noch am nächsten Tag wie ein Päckchen Streichhölzer rieche.

Vom Bad zurück ist der Tisch im Zimmer beiseite geräumt worden und die Futonbetten sind auf dem Boden ausgelegt.

Nach einer angenehmen Nacht geht es zum Frühstück. Das wird nämlich nicht auf dem Zimmer sondern im Gemeinschaftsraum serviert. Diszipliniert folge ich der Vorschrift, den yukata während des gesamten Aufenthalts zu tragen, das Ding ist auch echt bequem. Nur die Japaner sehen das anders und so sind Julia und ich die einzigen, die im Früstücksraum nicht in Strassenklamotten herumsitzen. Entweder stimmt auch hier wieder ein Reiseführergerücht nicht oder die Japaner sehen die Tradition nicht so eng.

Das Frühstück ähnelt dem Abendessen und lässt eine gewisse Tendenz zu Fisch erkennen. Es gibt wieder Reis und Misosuppe, diese aber etwas milder als die vom Vorabend. Dazu wieder eine Brühe, in der Tofuwürfel schwimmen und die auf einem Stövchen nebenbei gekocht wird. „Hot pot“ raunt unsere Bedienung uns zu und zündet den Brennwürfel an. Auf einem Schälchen liegt ein geräucherter Fisch und hauchdünnes sashimi mit Ingwermarinade, auf einer anderen Platte verschiedene Häppchen mit unbekanntem rohem Seegetier und teils sehr eigenwilligen Sossenkreationen. Die Forscher sind sich auch bis heute uneinig, ob es sich bei den festen, weissen Scheiben, die auf einem anderen Teller liegen um eine Art Reisteig oder doch um Fisch oder etwas völlig anderes handelt. Geradezu unexotisch sind dagegen die gesalzenen Algenstreifen, die in Sojasosse getaucht werden und unheimlich gesund sein sollen. Jedenfalls stellen sie eine geeignete Alternative zu Kartoffelchips und Erdnüssen dar.

Insgesamt ist dieses japanische Frühstück etwas ungewohnt für den europäisch eingestellten Magen und ich kann mir denken wie umgekehrt den Japanern ein kontinentaleuropäisches süsses Frühstück exotisch und schauerlich vorkommen muss. Wie bei vielem ist auch das wohl eine Sache der Gewöhnung.

Bei der Abreise fühle ich mich ein wenig wie nach einer bestanden Prüfung, als wäre ich jetzt erst so richtig in Japan angekommen. Nur meine Reiseführer haben nicht so richtig performed.

2 Kommentare:

ジャンヌ ダルク hat gesagt…

I am a Japanese.
I felt glad to see this blog.
Will you make friends with me by all means?

Anonym hat gesagt…

Thank you that zou like this blog? How did you find it? Do you speak german?